Versäumte Bilder: „Vergessene“ Wissenschaftlerinnen mit Bild-KIs nachträglich visualisieren

Es gab viele erfolgreiche Wissenschaftlerinnen, die in unterschiedlichen Disziplinen bahnbrechende Leistungen vollbracht haben, aber leider zu der damaligen Zeit nur recht wenig Anerkennung bekamen und auch weniger auf Bildern abgelichtet wurden, als ihre männlichen Kollegen. Das Bilderinstitut der Berliner Fotografin und Wissenschaftskommunikatorin Gesine Born möchte dies nun nachträglich ändern und zwar mithilfe von künstlicher Intelligenz.

Das Bildinstitut macht Wissenschaft sichtbar – uns ist jedes visuelle Mittel recht. Wir experimentieren mit allen Formaten und visuellen Möglichkeiten. Dabei brechen wir bewusst mit Sehgewohnheiten und suchen immer wieder nach neuen und unkonventionellen Wegen der Visualisierung. Quelle: Bilderinstitut

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Oberhalb sind zwei Darstellungen von der Physikerin Lise Meitner abgebildet, die ganz entschieden am Forschungsprozess der Kernspaltung beteiligt war. Die Bilder wurden mit dem sehr beliebten Tool Midjourney erstellt, um Lise Meitner nachträglich gezielt in Szene zu setzen. Die Top-Wissenschaftlerin wirkt locker & entspannt und strahlt Selbstbewusstsein aus.

Die folgenden Erzählungen verdeutlichen ziemlich gut, wie schwer es Frauen in der damaligen Zeit hatten, sich in den stark von Männern dominierten wissenschaftlichen Fachbereichen, nachhaltig zu behaupten.

„Während ihres Studiums durfte die Entdeckerin der Kernspaltung die Universität nur durch den Hintereingang betreten. Hähnchen, von Physik verstehst du nichts, geh nach oben!“. Quelle: Bilderinstitut

Es wurden mit Sicherheit viele Bilder versäumt, die Forscherinnen in (starken) Posen darstellen und so jungen Wissenschaftlerinnen als Vorbilder dienen könnten. Dies wird nun mit KI-Anwendungen nachgeholt. Sind die Bilder „Fake“, weil ein Algorithmus diese generiert hat? Ja, technisch betrachtet ist dies so. Ist es trotzdem sinnvoll, Bild-Tools wie Midjourney zu verwenden, um die Würdigung großartiger Leistung nachzuholen? Dies kann gerne diskutiert werden 😉 

Für mich ist das Projekt der „versäumten Bilder“ ein toller Use Case für den Einsatz von Bild-KIs. Nein, die Geschichte wird nicht umgeschrieben, sie wird nur neu visualisiert. Die Fakten bleiben dieselben. Übrigens ist das Image-Tool Midjourney seit einiger Zeit nicht mehr nur über Discord verfügbar, sondern User können dies auch über eine ganz eigene Webpräsenz mit einem „richtigen“ Interface nutzen. Das Handling ist dadurch wesentlich einfacher geworden.

Auch die Top-Mathematikerin Katherine Johnson, die bei der NASA ganz entscheidende Berechnungen im Rahmen der Mondlandung durchgeführt hat und es als schwarze Frau wohl noch schwerer hatte, wird in unterschiedlichen Posen mit KI neu in Szene gesetzt, inklusive einer „Astronauten-Umarmung“. 

Ihre Forschungen dienten als theoretische Grundlage für die bemannte Raumfahrt und wurden so sehr geschätzt, dass der Astronaut John Glenn sie bat, die Ergebnisse der von Computern berechneten Flugbahnen zu überprüfen. Quelle: Bilderinstitut

 

Ausstellung „Her mit den Portr[AI]ts!“ für European Excellence Award nominiert

Die Universität Bonn hat dieses Projekt weitergedacht und unter anderem ihre eigenen versäumten Bilder vergangener Wissenschaftlerinnen mit künstlicher Intelligenz visualisiert. Eine Ausstellung dazu wurde für einen europäischen Award in der Kategorie „AI-Driven Content Creation“ nominiert. Dies zeigt, wie innovativ dieses Thema wahrgenommen wird.

Die Universität Bonn ist mit ihrem Ausstellungsprojekt „Her mit den Portr[AI]ts!“ für den European Excellence Award nominiert. In der Kategorie „AI-Driven Content Creation“ hat es die KI-gestützte Fotoausstellung über „versäumte“ Bilder Bonner Wissenschaftlerinnen auf die Shortlist des europaweiten Wettbewerbs geschafft. Quelle: Universität Bonn

 

Fazit

Generell kann es sich lohnen, zu differenzieren, wenn es um KI-generierte Bilder geht. Werden diese dafür eingesetzt, um etwa mit politischen „Fake-Darstellungen“ zu provozieren, so sind solche Outputs wohl eher als schädlich anzusehen. Werden KI-Bilder verwendet, um nachträglich (sehr) begabte Wissenschaftlerinnen abzubilden, um Mädchen & Frauen gezielt Vorbilder zu präsentieren, dann ließe sich eher schwer dagegen argumentieren. Aber dies ist eben alles Ansichtssache. Auf jeden Fall ein tolles Projekt von Gesine Born.

Ein Beitrag erstellt von

matthias kindt

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