Digitalisierung im Zeitraffer

Bei der Umstellung auf eine rein digitale Lehre und auf digitale Abläufe in allen universitätsinternen Bereichen übernimmt das Zentrum für Datenverarbeitung (ZDV) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) seit Beginn der Corona-Pandemie eine tragende Rolle: Rechnerkapazitäten mussten vervielfacht und Systeme neu eingeführt werden. Das stellte selbst für eines der großen Rechenzentren Deutschlands eine Herausforderung dar.

“Seit dem Corona-Ausbruch ist Freizeit in der IT ein Fremdwort”, meint Prof. Dr. André Brinkmann mit einem leisen Lächeln um die Lippen. Der Leiter des ZDV und fast das komplette Team stemmten in den letzten Monaten regelmäßig 50- bis 60-Stunden-Wochen. “Wir haben eine Art Zeitraffer durchlebt. Wir mussten auf einmal ungeheuer viel umsetzen, was dazu geführt hat, dass wir in die Zukunft katapultiert wurden.”

Als kurz vor Beginn des Sommersemesters klar wurde, dass eine Präsenzlehre an der JGU nicht möglich sein würde, dass der Lockdown auch für die Mainzer Universität bevorstand und alle Aktivitäten über digitale Kanäle geleitet werden müssten, kam dem ZDV eine zentrale Rolle zu. “Es war zwar nicht so, dass wir überrollt wurden”, stellt Brinkmann klar. “Technisch waren wir eigentlich recht gut vorbereitet. Aber wir benötigten zum Beispiel plötzlich zehnmal mehr Hardware – und so etwas hält man nicht einfach vor.”

Überstunden haben sich ausgezahlt

“Unsere oberste Priorität war, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität von zu Hause arbeiten konnten”, erzählt Carsten Allendörfer, der technische Leiter des ZDV. “Dafür haben wir in der Anfangszeit physikalische Hardware unseres Hochleistungsrechners Mogon ausgebaut und an unsere drei Standorte auf dem Campus verteilt.” Der Aufwand lohnte sich. “Wir konnten innerhalb kürzester Zeit unsere Kapazitäten um den Faktor vier vergrößern: Nie zuvor hätten wir daran gedacht, dass die komplette Verwaltung der Universität aus Sicherheitsgründen nur über Remote-Desktop-Server arbeiten würde. Ebenso war unvorstellbar, dass einmal beinahe alles Personal und alle Lehrenden von zu Hause auf eigenen Rechnern oder dienstlichen Notebooks erreichbar sein müssten. Aber jetzt funktioniert es.”

“Auch in der Folgezeit gab es sehr viel Mehrarbeit für fast jede Gruppe im ZDV”, sagt Brinkmann. “Wir stellten uns in einem nächsten Schritt auf den kommenden Semesterbeginn ein, zu dem plötzlich mehr als 30.000 Studierende auf unser Lernmanagement-System Moodle und auf die Videoplattform Panopto zugreifen würden.” Für die Erstsemester, die bei der Orientierung besondere Schwierigkeiten haben würden, sollten eigene Angebote zur Einführung her. Auch dafür lieferte das ZDV die technischen Möglichkeiten. “Wir waren bei alldem komplett auf unseren bestehenden Stab angewiesen, denn unsere Systeme sind so komplex, dass eine Einarbeitung von Neulingen rund ein halbes Jahr gedauert hätte.”

Eine flexiblere Moodle-Plattform, die mehr Möglichkeiten der Interaktion bieten würde, war bereits vor Corona geplant. “Sie sollte ursprünglich im Sommersemester im Probebetrieb mit einem Fachbereich laufen”, erzählt Brinkmann. “Wir wollten erst einmal die Kinderkrankheiten ausbügeln. Nun entschlossen wir uns: Die Einführung soll jetzt und sofort passieren. Eigentlich ist das keine gute Idee in solch einer Krisensituation. Doch die alte Reader-Plattform hätte vom Funktionsumfang für ein digitales Semester nicht ausgereicht. Wir mussten somit im laufenden Betrieb Fehler ausbügeln und Teile neu booten.” Auch das funktionierte. “Alle Beteiligten reagierten mit viel Wohlwollen – und mit einer gewissen Leidensfähigkeit.”

Bewährte und neue Tools für digitale Lehre

E-Learning ist an der JGU seit Jahren ein wichtiges Thema. “2004 führten wir zum Beispiel als eine der ersten deutschen Universitäten E-Klausuren ein, und wir sind auf diesem Gebiet bis heute ganz vorn mit dabei”, erzählt Dr. Stefan Röhle, zuständig für den Bereich Anwendung und E-Learning beim ZDV. “Bisher war es allerdings so, dass sich vor allem Lehrende an uns wandten, die offen für E-Learning waren, die etwas in diesem Bereich auf die Beine stellen wollten. Nun verzehnfachte sich die Nachfrage schlagartig, und wir bekamen es auch mit Leuten zu tun, die Berührungsängste mit dem Thema haben und die sich zum ersten Mal damit beschäftigen mussten.”

In dieser Situation rief JGU-Vizepräsident Prof. Dr. Stephan Jolie das Kompetenzteam Digitale Lehre ins Leben. “Das war ein Glück”, so Röhle. “Das Team setzt sich vor allem aus Personen zusammen, die nicht aus der IT kommen und gut kommunizieren können, was machbar ist. Es übernahm weitgehend die inhaltliche Betreuung der Lehrenden, wir konnten uns auf die technische Seite konzentrieren.”

Einige Zahlen zu Panopto spiegeln das sprunghafte Wachstum der digitalen Lehre: “Diese Videoplattform zur Aufzeichnung von Lehrveranstaltungen stellen wir allen Hochschulen im Land zur Verfügung”, erläutert Allendörfer. “Nun erlebten wir einen echten Run darauf: Bis Mitte April waren insgesamt 26.000 Videos beziehungsweise 12.000 Stunden Material hochgeladen worden. Stand heute sind es 72.000 Videos mit 37.000 Stunden. In diesem Semester wurden also rund dreimal so viele Videos produziert wie in den drei Jahren zuvor. Seit Mitte April haben die Studierenden rund 700.000 Stunden Video geschaut.”

Um mehr Interaktion in die digitale Lehre zu bringen, waren weitere Tools nötig, und insbesondere Videokonferenzen mussten her. “Hier haben sich weltweit 10 bis 15 Systeme durchgesetzt”, erzählt Brinkmann. “Die Wünsche der Lehrenden sind dabei sehr heterogen. Argumentiert wird über den einfachen Zugriff, den Bandbreitenbedarf, die Integrierbarkeit in unsere Lernraum-Managementsysteme, die maximale Anzahl gleichzeitiger Videos oder den Datenschutz. Ein System, das allen Ansprüchen gleichzeitig genügt, ist dabei allerdings noch nicht verfügbar.” Das ZDV sah sich vor das Problem gestellt, ein möglichst breites Angebot zu schaffen und zugleich strikt auf Sicherheit und Datenschutz zu schauen: Es entschied sich zur Breitstellung von Skype for Business und MS Teams.

“Wir haben gezeigt, dass es technisch geht”

Ende Mai führte das Zentrum mit BigBlueButton bereits sein drittes Web-Konferenzsystem ein. Die Vorteile liegen in der einfachen Nutzbarkeit über beliebige Web-Browser, in der leichteren Umsetzung von Datenschutzanforderungen und in der direkten Integration in Moodle und das Kollaborations-Tool Mattermost. “Wir wollten hier auch ein Zeichen für freie Software setzen und diese auf dem Campus verorten”, meint Brinkmann. “Bis zu 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer können damit gleichzeitig an verschiedensten Videokonferenzen teilnehmen.” Sowohl die Schulen als auch die anderen Hochschulen im Land profitieren von dieser Neuerung.

Traditionell schaut das Team des ZDV weit über die Grenzen der JGU hinaus. Dieser Blick hat sich mit der Corona-Pandemie sogar noch verstärkt. “Viele Universitäten haben sich auf bestimmte Bereiche spezialisiert”, meint Brinkmann. “Bei uns ist es der Bereich E-Klausuren und in der Vergangenheit auch der JGU-Reader, eine Eigenentwicklung des ZDV und bis zum Sommersemester 2020 das meist genutzte Lern-Management-System an der JGU oder das neue Moodle: JGU-LMS. Aber was mich freut: Es geht im Moment nicht darum, wer wo führend ist. Wir haben das Gefühl, wir sitzen alle in einem Boot. Gerade der Austausch innerhalb der Rechenzentrumsallianz Rheinland-Pfalz (RARP), der alle Hochschulen des Landes angehören, ist intensiver geworden.” Dieser Zusammenschluss ist in seinem Selbstverständnis von jeher Koordinations- und Lenkungsinstrument für die Bereitstellung von Diensten und der IT-Infrastruktur innerhalb des Landes Rheinland-Pfalz.

In den letzten Wochen wurde es allmählich ruhiger im ZDV, die knapp 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können etwas durchatmen. “Das Grundlegende haben wir geschafft”, sagt Röhle. “Die Integration der Tools in Moodle funktioniert, nun kommt die Kür: Wir werden die Systeme perfektionieren. Außerdem wollen wir mehr nach außen bringen, welche Möglichkeiten wir bieten.”

“Wir haben in der Digitalisierung der Lehre zehn Schritte nach vorn gemacht”, stellt Brinkmann fest. “Nun muss sich das in den Abläufen des Universitätsbetriebs etablieren. Allgemein wird die Digitalisierung jeden Bereich der JGU betreffen. Ich glaube, dieser Prozess wird die Universität noch einmal stärker verändern, als dies durch ein digitales Semester geschehen ist. Die Digitalisierung kann aber nur erfolgreich umgesetzt werden, wenn hierbei die Zentralen Einrichtungen, die Fachbereiche und die IT genauso eng zusammenarbeiten, wie es zurzeit bei der digitalen Lehre geschieht.”

Zum Originalbeitrag vom 08.09.2020

 

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